Pfalz persönlich – Immer hoch die Gellerieb

Menschen im Kurzporträt. Sie stehen für die Vielfalt der Pfalz. Denn regionale Produkte, kreative Gerichte und gute Ideen gibt es viele. Dies gilt auch während der Pandemie, wie unsere Aktion #immerhochdiegellerieb zeigt. Diese fünf Pfälzer arbeiten in Branchen, die es besonders hart getroffen hat. Ans Aufhören denkt von ihnen aber keiner.


Peter Karl, Intendant des Gloria-Kulturpalastes

Landau, Freitagvormittag im zweiten Pandemie-Jahr. Peter Karl macht das, was er jeden Freitagvormittag macht: seinen Job. Er bereitet den Abend im Gloria-Kulturpalast vor, er weist Techniker ein, telefoniert, organisiert und verbreitet gute Laune. Das klingt so normal, so gar nicht  coronaleidensmäßig. „Nur zu motzen und zu jammern bringt nichts“, sagt der Intendant und Zauberkünstler.

2020 ließ er den Gloria Kulturpalast zu einem Varieté umbauen, sammelte mit Aktionen wie der „Comedy-Kautsch“ Spenden, machte lokale Unterhaltungskunst via Live-Stream salonfähig und tüftelte an neuen (Open-Air-) Konzepten und Shows. „Ich bin nicht LEISE“, sagt Peter Karl, der auch im direkten Dialog mit Politikern, etwa in einer Telefonschalte mit Olaf Scholz, auf konkrete Wünsche von Kulturschaffenden hinweist. „Das letzte Jahr war ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin selbst auf Hartz IV, von einst 23 Angestellten ist noch die Auszubildende da.“ Dennoch verzweifle er nicht daran, sondern an der ignoranten Haltung mancher Leute.

„Argumentiere dafür, nicht dagegen. Es tut sich immer eine Tür auf.“ Seit zehn Jahren sorgt Peter Karl für Partys, Kunst, Magie und Leben im Gloria-Kulturpalast, einem ehemaligen Lichtspielhaus – und das, obwohl er es bis jetzt nicht schaffte, die Gardinen an dem denkmalgeschützten Gebäude zu richten.

Text: ayß | Foto: Norman Krauß | Info: gloria-kulturpalast.de

Annette Egartner, Sportpädagogin

Von jetzt auf nachher wurden durch Corona alle Aktivitäten auf null gesetzt. Dabei hatte es gut zwei Jahre gedauert, bis das Gruppenangebot „Fit & Ball“ beim TC Limburgerhof so richtig ins Laufen kam. Für Annette Egartner war es jedoch keine Frage, dass trotzdem „die Gellerieb oben bleibt“. Die 1967 geborene Sportpädagogin, die sich als „hauptberufliche Mama von drei Kindern“ bezeichnet, kümmert sich beim TC seit zehn Jahren darum, dass Kindern der sanfte Einstieg in den Sport gelingt. „Wenn es eine Möglichkeit gibt, dann mache ich dies auch“, betont Egartner und setzt seitdem darauf, dass Motorik und Koordination mit viel Spiel und Spaß nun eben bei Video-Treffen geschult werden.

Zudem lockt Egartner mit Heimat-Touren „die Leute zur Bewegung in den Wald“. Hunderte von Kindern haben zum Beispiel bei einer Dino-Tour mitgemacht, die – wie andere – auf der TC-Website zum Download bereitsteht. Dabei bekommt unter anderem der „Langhals-Dino“, wie Egartner zusammen mit dem Deutschen Bärenhund Falcon auf dem Foto zeigt, bunte Wollfäden als Halsband umgehängt. Außerdem sorgen wöchentliches Kindertraining, spielerische Rekordversuche mit anderen Vereinen oder Adventure-Camps mit dafür, dass man auch während der Pandemie nicht einrostet.

Text: dot | Foto: Kunz | Info: tc-limburgerhof.de, facebook.com/tclimburgerhof/

Marcus Muders, Gastronom

Das Spinnrädl ist eine Institution in Kaiserslautern. Es ist eines der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt. Es ist ein Gasthaus mit Geschichte, in dem gelacht, gefeiert, getrunken und gespeist wird. Es ist so vieles – nur nicht Corona-konform. Marcus Muders, der gemeinsam mit Christa Bernhardt seit fast 25 Jahren die Geschicke im Spinnrädl lenkt, sagt: „Wir liegen mitten in der Fußgängerzone, aber wir haben keine große Außengastronomie, keine Sonne in der Straße, die zum Verweilen einlädt. Wir können nicht mit dem Auto angefahren werden, um Speisen abzuholen.“

Mitte März 2021 fehlt dem Gastronomen jede Öffnungsperspektive für die klassische Gaststätte. Er harrt weiter aus. So resigniert das klingt, so wenig passt das zum Gemüt von Marcus Muders, ein geborener Rheinländer und seit 1985 Wahl-Pfälzer aus Überzeugung. „Ich halte für meine Mitarbeiter die Gellerieb hoch. Ich freue mich wieder auf unsere Gäste und das urbane Leben. All die aufmunternden Worte geben uns das Gefühl, dass wir zu Lautern einfach dazugehören.“

Das Spinnrädl werde seinen alten Stil beibehalten. Es stehe für Pfälzer Gastlichkeit, wo noch richtig gekocht werde. Die „Gellerieb“ passt für den Hobbylandwirt so gut, weil sie genau so geschrieben auf der Speisekarte steht. Den alten Sprachgebrauch weiterzugeben und die Kunst der guten Hausmannskost zu bewahren, das sei typisch Spinnrädl.

Text: ayß | Foto: view – die agentur | Info: spinnraedl.de

Claudia Winstel, Buchhändlerin

Während der beiden Lockdowns hat Buchhändlerin Claudia Winstel Schritte gesammelt. Sehr viele Schritte. „Das ist die reinste Rennerei im Laden“, erzählt sie. Kunden konnten telefonisch oder per Mail bei „Spiel & Spaß – das Buch“ in Bad Bergzabern Bücher und Spielwaren bestellen. Claudia Winstel und eine weitere Buchhändlerin sammelten die Wünsche aus den Regalen ein, brachten sie zur Abholung an die Tür und was nicht gekauft wurde, räumten sie zurück. „Wenn jemand anruft und zum Beispiel ein Geschenk für ein fünfjähriges Kind sucht, dann stellen wir eine Auswahl zusammen“, sagt die Inhaberin.

Mit den Menschen zu sprechen und sie zu beraten seien auch während Corona die Stärken des Einzelhandels. Gerade bei Kinderbüchern gehe ihr Sortiment richtig in die Tiefe. Claudia Winstel, die einst Steinmetz gelernt hat, schloss eine Buchhändlerlehre an und stieg vor mehr als 15 Jahren in das von ihrer Mutter 1987 gegründete Geschäft ein.

Die Verantwortung für ihre Mitarbeiter lasse die Südpfälzerin die „Gellerieb“ hochhalten, auch wenn zwischendurch der Planungsoptimismus fehle. Kraft schöpfe sie aus der schönen Pfälzer Natur und aus dem Gedanken, irgendwann einfach wieder gute Bücher und Sachen im Laden verkaufen zu dürfen.

Text: ayß | Foto: Norman Krauß | Info: dasbuch-spielspass.buchkatalog.de

Joël Krauß, Diplom-Tontechniker

Man arbeite lange, man arbeite hart, man arbeite nicht nur fürs Geld. Joël Krauß aus Insheim ist selbstständiger Tontechniker. Liveveranstaltungen wie Konzerte sind sein Ding. „Mit Musik kann man so viel bewegen, Emotionen erzeugen. Wenn ich als Tontechniker 5000 Menschen beschalle, sie meinen Mix hören, dann macht das einfach gute Laune.“ Die Eventbranche, seine Branche, sei speziell, ja. Man wisse, dass man keinen „Nine-to-five“-Job habe und dieser leider oft schlecht bezahlt sei, sodass ein anerkennendes Schulterklopfen, ein Strahlen in den Augen, eine geile Stimmung der entscheidende Lohn seien.

Auf der Bühne und hinter den Kulissen, egal ob bei Musikveranstaltungen oder im Theater, gehe man für die Sache und das gemeinsame Erlebnis in die Vollen. Man ging. Joël Krauß wurde von der Pandemie ausgebremst, gerade als es um größere Aufträge ging. Der Staat erteilte dem 24-Jährigen quasi ein Berufsverbot. Als Demonstrant macht er beim Aktionsbündnis #alarmstuferot auf seine Lage aufmerksam.

Ein Jahr fast ohne Einnahmen zehrt finanziell und psychisch an jedem. Dass er die „Gellerieb“ trotzdem hochhält, hängt auch mit seiner „speziellen“ Branche zusammen: Denn hier werde solidarisch zusammengehalten und sich gegenseitig Mut zugesprochen – für die gemeinsame Sache, für ein Strahlen in den Augen, wenn es wieder losgeht.

Text: ayß | Foto: Norman Krauß | Info: jkraussaudio@gmail.com

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