Geschmacksverstärker 2022

Unser VielPfälzer sinniert dieses Mal über neuzeitlichen Kategorienbildung für Genussmenschen. In der Kolumne Geschmacksverstärker nähert sich der lebensfrohe Pfälzer mit leichter Ironie der Generation Genuss. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist absolut nicht zufällig. Und auch die Themen sind nie frei erfunden.


Fasten mit Fastfood

Jetzt, da die Fastenzeit längst vorüber und der Kampf um die Bikinifigur erneut hoffnungslos verloren ist, kann man sich ja mal in aller Ruhe mit derlei Themen befassen. Ich selbst habe mich übrigens aus persönlichen Gründen der Weltöffentlichkeit noch nie im Bikini gezeigt; denn das passt einfach nicht in meinen Lebensentwurf. Trotzdem: Abnehmen hat ja im Grunde immer dann Saison, wenn die Abnehm-Industrie die Rundwüchsigen massenhaft zum Gewichtsklassenkampf aufwiegelt. Also immer. Das Resultat ist niederschmetternd: Pfunde und Kilos wissen angesichts der medialen Bedrängnis mal wieder nicht, ob sie schmelzen oder purzeln sollen. Also bleiben sie an Ort und Stelle und bauen ihre Position aus – zum Schutz vor der nächsten Diätwelle, die mit virenhafter Zuverlässigkeit immer wieder heranrollt.

 

Illustration: Karin Mihm

Ungefähr 62 Prozent der Männer haben statistisch zu viel auf den Rippen, Hüften und anderen Körperpartien. Damit sind sie auch hier dem weiblichen Geschlecht überlegen.

Der durchschnittsdeutsche Mann trotzt erfolgreich sämtlichen Kalorien-Kampagnen und wird, so führt uns die Statistik vor, zunehmend dicker. In der Pfalz mit ihrem geballten Repertoire an spezifischen Lockstoffen ist das nicht anders. Ungefähr 62 Prozent der Männer haben statistisch zu viel auf den Rippen, Hüften und anderen Körperpartien. Damit sind sie auch hier dem weiblichen Geschlecht überlegen, das mit einem Anteil von nur 43 Prozent Übergewichtigen weit abgeschlagen auf Platz zwei landet. Diverse an dieser Stelle hervorzuheben, geböte zwar die akute Vorstellung von Gleichberechtigung; aber sie fallen in der Statistik (noch) nicht ins Gewicht. Auch sind sie von ignoranten Statistikern bisher in fahrlässiger Weise einfach nicht erfasst worden.

Etliche hauptamtliche Hedonisten halten Askese immer noch für einen (längst verstorbenen) polnischen Pianisten. Andere haben ein Krankheitsbild vor dem geistigen Auge, das abgemagerte, hohlwangige humanoide Kreaturen zeigt, die auf der Suche nach dem Notausgang auf spindeldürren Steckenbeinchen an prallvollen Supermarktregalen entlang torkeln. Beides ist nachweislich falsch. Wer noch weiß, was ein Lexikon ist, oder gar selbst noch eines ins digitale Zeitalter herübergerettet hat, schlägt nach und findet Erläuterungen wie diese: „Eine asketische Schulung beinhaltet Disziplinierung sowohl hinsichtlich des Denkens und Wollens als auch hinsichtlich des Verhaltens.“ Kurz gesagt: Der starke Wille reicht nicht aus, wenn das schwache Fleisch sich hemmungslos vermehrt. Für authentische Pfälzer heißt das: Wenn ein frisch geräucherter Schwartenmagen aus der Einkaufstasche duftet, geben sogar eingefleischte Teilzeitvegetarier ihren Widerstand auf. Und dass zur Askese auch der völlige Verzicht auf berauschende Getränke gehört, das behält man in unseren Breiten besser für sich. Klammheimlich stellen sich die ganz Gerissenen doof und machen sich auf den Weg zu McDonalds. Dort gibts schließlich Fastfood.

Gottlob sind Kalauer kalorienfrei, sonst hätten wir bald (fast) gar nichts mehr zu lachen ...

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

 

Status ungenießbar

Weil ich im Lateinunterricht nicht aufgepasst habe, durfte ich erst jetzt erfahren, was „Status“ wirklich bedeutet: Es kommt aus dem Smartphone – und zwar von dort, wo WhatsApp lauert. Das ist ein angeblich soziales und weit verbreitetes Kommunikationsmittel. Man sammelt Kontaktdaten von möglichst allen Leuten, zu denen man Kontakt haben will oder wollen muss. Denen teilt man, ob sie wollen oder nicht, per Knopfdruck mit, wo man gerade ist, wie einem gerade ist und was man gerade isst. Ein gefundenes Fressen für eingefleischte Feinschmecker (Veganer jedweden Geschlechtes inklusive).

Als frisch ver(k)appter Nutzer des Programms empfange ich regelmäßig und unfreiwillig von meiner Freundin Maxima detaillierte Informationen zum aktuellen Stand ihrer Nahrungsaufnahme. Doch meine Toleranz ist jetzt an ihre Grenzen gestoßen. Denn Maxima hat unter Zuhilfenahme ihres besserverdienenden Gemahls einen Kurzurlaub im Fünf-Sterne-Luxushotel verbracht.

 

Illustration: Karin Mihm

In solch einer kapitalen Unterkunft „macht“ sie „Wellness“ unter Einbeziehung einer hysterischen Abfolge von exotischen Massagen, Saunagängen und diversen grotesken Maßnahmen kosmetischer Art. In der exklusiven Hotel-Boutique erwirbt sie extrem teure Klamotten bekannter Nobelmarken, um sie spätestens zum Dinner einem größeren Publikum zu präsentieren. Das hebt ihren akuten sozialen Status immerhin auf Durchschnittsniveau; das Vorzeigen solcher Kostbarkeiten gehört im Hotelrestaurant dieser Kategorie schließlich zum narzisstischen Pflichtprogramm. Weil das alle so machen, interessiert es aber keine Sau. Der Brite macht ja schon sprachlich kaum einen Unterschied zwischen healthy und wealthy. Darauf ein Selfie! Dessen Versand an alle, die man kennt, ist ebenso obligatorisch wie die Dokumentation des Abendmenüs. Wer ordentlich „Wellness macht“, kommt schon beim Aperitif so richtig in die Gänge.

So entsteht im Lauf eines Abends ein 36-teiliges fotorealistisches (Un)Sittengemälde aus der digital verstrahlten Erlebnisgastronomie.

So weiß ich, dass Maxima nach dem zweiten Glas Champagner Maison Dégoûtant brut am Dienstag um 18.43 Uhr neun Scheiben geräucherte Entenbrust vom Buffet geholt hat – eine Information, ohne die ich nicht sein möchte. Um 19.01 Uhr schneidet ihr Gatte tief ins medium well gebratene Rinderfilet und um 19.03 Uhr lässt er sich einen kräftigen Schluck vom gut erkennbar etikettierten 2016er Chateau Grand Malheur nachschenken. Am Ende der 18-teiligen, hektisch gesandten Fotoserie kommt es zur Übermittlung der üppigen Dessertvariation. Man muss ja den Wellness-geschädigten Kalorienhaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen.

So entsteht im Lauf eines Abends ein 36-teiliges fotorealistisches (Un)Sittengemälde aus der digital verstrahlten Erlebnisgastronomie. So kommt es auch, dass ich mein Smartphone nachhaltig ausschalte, weil ich es am dritten Abend nach dem Genuss von jeweils drei Dutzend schlecht belichteten, unkommentierten Bildern wuchtiger Speisenkonvolute einfach satthabe und mich ganz und gar analog meinem Saumagen zuwende. Dessen Herkunft ist pfälzisch. Sein Status auch – sogar ganz ohne WhatsApp.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

Die beste Kategorie

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Mit dieser Frage und diversen Antworten darauf hat sich der Philosoph Richard David Precht 16 Wochen lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste gehalten. Auch 13 Jahre später hat das Buch nichts an Aktualität eingebüßt – zumindest für mich; denn: Wer oder was bin ich eigentlich? Lange Zeit fühlte ich mich als eine Art Epikureer – Anhänger jenes griechischen Philosophen also, der dem Vernehmen nach so lange allerlei Gelüsten frönte, bis Nieren- oder Harnsteine sein irdisches Dasein beendeten. So vermuten es ernstzunehmende Forscher beziehungsweise Forschende.

Zugetragen hat sich dieser herbe Verlust so ungefähr im Jahre 270 vor Mariens Niederkunft. Der (umstrittenen) Überlieferung nach hat der weise Epikur seine Gäste so begrüßt: „Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt.“ Die sinnlichen Begierden, deren Berechtigung nur eingeschränkt akzeptiert wurde, sollten sich auf die kleinen, leicht erreichbaren Freuden richten: „Schicke mir ein Stück Käse, damit ich einmal gut essen kann.“ Ob der heitere Epikur auch Rotwein orderte, ist nicht überliefert, darf aber vermutet werden. Reinrassiger Vegetarier war er jedenfalls nicht und Veganer schon gar nicht.

Illustration: Karin Mihm

Politisch motivierte Veganer brandmarken mich und meinesgleichen als „Klimakiller“.

In der neuzeitlichen Kategorienbildung für Genussmenschen kommt der Epikureer nicht mehr vor, während sich der Asket in mannigfaltiger Erscheinungsform in die Gegenwart herübergerettet hat. Genussferne Kreise sorgen mehr und mehr dafür, dass Enthaltsamkeit schick ist. Schlanken Leibes soll er sein, der smarte Genießer, und aller Begierde ledig. Hedonisten haben es schwer, denn üppiger Lustgewinn – vor allem beim Essen und Trinken – gilt zunehmend als verpönt. So wird die Lust zur Last, und ich muss mich mit Begriffen auseinandersetzen, die mir nachhaltig den Appetit verderben. Zum Beispiel falle ich in der einschlägigen Statistik unter die Rubrik „Omnivore“. Das klingt garstig. Ersatzweise maßen sich entgleiste Ernährungswissenschaftler/innen an, mich „Pantophage“ zu nennen. Weniger aggressive Experten weichen auf den sanfteren Begriff „Nahrungsgeneralist“ aus. Der missionarisch programmierte Asket indessen schleudert mir ein schonungsloses „Allesfresser“ entgegen. Politisch motivierte Veganer brandmarken mich und meinesgleichen als „Klimakiller“, weil unsere Spezies mitunter Fleisch zu sich nimmt, das von rülpsenden und furzenden Vierbeinern stammt – das heißgeliebte Rumpsteak (medium) zum Beispiel.

So langsam hab’ ich die Wortklaubereien satt. Um weiteren lästigen Fragen nach meinem kulinarisch-philosophischen Selbstverständnis aus dem Weg zu gehen, nenne ich mich mitunter „Teilzeitvegetarier“ oder „Gelegenheitsveganer“. Und sobald ich Zutrauen gefasst habe zum Fragesteller (der Fragestellerin selbstverständlich auch), sage ich, wie es halt auch beim Essen ist: „Pfälzer“ oder (für Fortgeschrittene): „VielPfälzer“. Der bin ich wirklich.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

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