Geschmacksverstärker 2022

Unser VielPfälzer sinniert dieses Mal über neuzeitlichen Kategorienbildung für Genussmenschen. In der Kolumne Geschmacksverstärker nähert sich der lebensfrohe Pfälzer mit leichter Ironie der Generation Genuss. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist absolut nicht zufällig. Und auch die Themen sind nie frei erfunden.


Transatlantische Notizen

Nach vier Wochen USA ist man zunächst einmal dauerhaft gesättigt mit unendlich vielen Eindrücken: Pfälzer Metropolen erreichen halt nur ansatzweise die urbane Wucht von New York City, das Ludwigshafener Rheinufer ersetzt nicht ganz die Traumstrände von Cape Cod und Westpfälzer Bachkrebse können es mit dem legendären Hummer an der Küste von Maine auch nur bedingt aufnehmen.

Noch beim Verdauen dieser mannigfaltigen Impressionen und Vergleiche stößt der achtsame Pfälzer allerdings auf ein entscheidendes kulturelles Defizit: Die Nahrungsaufnahme leidet im angeblichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten an der Monotonie der massenhaften Kalorienzufuhr – gepaart mit einer gewissen Beiläufigkeit. Denn der amerikanische Stadtbewohner hastet unablässig durch die Straßen.

Illustration: Karin Mihm

Die Stadtbewohnerin verhält sich synchron. Er/sie unterbricht diese Tätigkeit ungefähr alle zwei Stunden und betritt abrupt einen klimatechnisch extrem heruntergekühlten Ort, der gemeinhin als Eaterie, mitunter auch als Diner, gekennzeichnet ist. Dort nimmt er/sie, gerne auch mittags, nachmittags und abends, Mahlzeiten zu sich, die man im Großen und Ganzen als Frühstück bezeichnen kann. Diese bestehen überwiegend aus Hühnerei und Schweinefleisch.

Der Variantenreichtum ist verblüffend. Denn die Eier (zwei oder drei?) gibt es gebacken oder gerührt. Dazu muss die schwere Entscheidung zwischen Speck, Schinken oder Schinkenspeck getroffen werden. Eine Kelle Bratkartoffeln ist immer dabei – man kann sie nicht abbestellen, ohne den Service nachhaltig zu beleidigen. Beim obligatorischen Ketchup überfallen den Pfälzer spontan Heimatgefühle, weil der Gründervater der Erzeugerfirma nachweislich aus Kallstadt an der Deutschen Weinstraße stammt.

Das wiederum juckt in den USA keine Sau, weswegen der Durchschnittsamerikaner jederlei Geschlechts seine Eier-&-Speck-Kombination notorisch mit einem ordentlichen Schuss der braunroten Substanz versieht. Das so entstandene Gemisch verzehrt er binnen drei Minuten und leert dabei drei Tassen Kaffee und/oder Becher Cola, bevor ihm die Servicekraft freundlich aber unaufgefordert unverzüglich den Kassenbon auf die Tischplatte knallt.

 

Manche essen zwar, aber die meisten reden einfach nur unablässig und lautstark durcheinander.

Ende der Veranstaltung und Szenenwechsel: Kommt ein US-Bürger in eine Pfälzer Weinstube. Menschen hocken dort stundenlang nutzlos herum. Sie nippen bisweilen an vergleichsweise kleinen Gläsern mit einer unbekannten Flüssigkeit. Sie tun dies gänzlich ohne den Einsatz von Eiswürfeln (von ein paar Dilettanten einmal abgesehen). Manche essen zwar, aber die meisten reden einfach nur unablässig und lautstark durcheinander.

Dies bringt den/die US-Bürger/in ins Grübeln: So oder so ähnlich muss Fine Dining sein – also jene kulinarische Variante, die daheim als exotisch und deshalb unerschwinglich gilt. Nach dem dritten Viertel zum zweiten Leberknödel vergisst der Amerikaner vor lauter Staunen sogar, nach Ketchup zu fragen. Und das in Kallstadt, der Wiege der amerikanischen Tomatensoßenkultur!

Es grüßt Sie herzlich Ihr VielPfälzer

Netter Versuch

Eigentlich bin ich ein konservativer Drecksack. Denn ich gönne den weinbegeisterten Nachwuchstrinkern nicht das Sitzkissen unterm Hintern. Meinen moralischen Widerstand erregt in zunehmendem Maße die Tendenz, sich in großformatigen Open-Air-Locations zusammenzurotten, um betont leger und möglichst exponiert Wein zu konsumieren. In der Weinstube herkömmlicher Machart geht das ja nicht. Da hockt man dumpfen Sinnes drinnen und kein Mensch begafft den individuellen Verzehrstil: Schaut her, ich kann mein Glas schon richtig professionell am Stiel anfassen und umklammere nicht seinen Kelch wie diese Kulturvernichter in den amerikanischen Filmen! Dazu lümmle ich lässig auf Loungemöbeln herum, erklimme risikobereit den Hochstuhl einer Weinbar, eine stylische Weinkiste kann ruhig auch zum Sitzmöbel werden. Selbst eine karge Treppenstufe tut es – kein freies Plätzchen darf ungenutzt bleiben in der hippen Arena zur Darbietung der eigenen Kompetenz. Aus den Lautsprecherboxen grüßt Ibiza.

Seht doch – ich trinke orangen Wein und sende allen, die mich hoffentlich dabei beobachten, das unverkennbare Signal: Hier ist ein Kenner am Werk, der keinen Trend auslässt. Trübe ist sie zwar, die Flüssigkeit, sie riecht auch irgendwie ranzig und schmeckt ein bisschen nach abgestandener Hühnerbrühe – aber wen juckt das: Natur pur, Weißwein auf der Maische vergoren, ungefiltert, natürlich vegan und mit der herben Patina eines senilen Holzfasses imprägniert – das ist doch die Gegenwart der nächsten Zukunft. Seht doch endlich her, ihr ewiggestrigen Dilettanten!

Illustration: Karin Mihm

Das gehört zum grellen Sound der öffentlich praktizierten Unzulänglichkeit wie das elektrisch angetriebene Porsche-Cabrio zum Lifestyle-Fanatiker.

Drei Sitzkissen weiter jagt ein sonnengebräunter Jüngling im gefälschten Nobelmarken-Outfit einen Sektkorken himmelwärts und schwingt wild die überschäumende Flasche, um allen zu zeigen, dass ihn auch die teuerste Position auf der Weinkarte nicht abgeschreckt hat. Da werden Zwerge zu Giganten! Gleich daneben klirren die Eiswürfel im halbvollen Glas mit der endgeilen Rotwein-Cuvée. Das gehört zum grellen Sound der öffentlich praktizierten Unzulänglichkeit wie das elektrisch angetriebene Porsche-Cabrio zum Lifestyle-Fanatiker. Schade eigentlich, dass man den Parkplatz von hier aus nicht richtig sieht. Welcher Depp hat denn hier rundherum Reben gepflanzt!

„Alte Spaßbremse! Es ist doch nur der Neid, der aus dir spricht!“ So fährt es mir durch den Sinn, während rechts im Bild eine platinblonde Exponentin der Spaßgesellschaft kreischend ihr randvolles Secco-Glas umstößt. Dabei ist es doch mega, wenn die jungen Leute von heute endlich frischen Wind in die muffige Weinlandschaft bringen. Stilltrinker ade! Da hilft nur mitmachen!

Als ich ein paar Minuten später mittendrin im trendigen Trubel ganz entspannt und im Stehen gut sichtbar für alle eine Flasche Großes Gewächs vom Deidesheimer Nobelerzeuger an den Hals setze, senkt sich abrupt eiskaltes Schweigen über die Szene. „Netter Versuch“, raunt die Secco-Maid, und mir wird schlagartig klar, dass ich noch lange üben muss, bis ich hier dazugehöre.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

Ganz oder gar nicht?

Der Hipster des 21. Jahrhunderts kennt keine Kompromisse. Deshalb sind die Vegetarier vom Aussterben bedroht. Die Nahrungsaufnehmer spalten sich in Allesesser und Veganer. Unerschrockene hier, Totalverweigerer dort. Zwischen beiden (Lebens)Arten verkümmert der Vegetarier als Zugehöriger einer eigenständigen Spezies im profillosen Gemenge der Entschlusslosigkeit. Bald hat er keine Heimat mehr.

Der vegane Ansatz ist radikal. Teilzeitveganer sind selten und gelten als heuchlerische Trendfolger. Sie stehen im Verdacht, heimlich Dosen mit Hausmacher Wurst zu horten und mitunter sogar zum Zwecke des Verzehrs zu öffnen. Das geht ja gar nicht! Vollblutvegetarier entziehen sich weitgehend der Zuordnung – auch deshalb, weil die Bezeichnung als solche unglücklich gewählt ist. Ovo-Lacto-Vegetarier werden sowieso nicht ernst genommen. Weintrinker gelten nur dann als makellose Veganer, wenn die Etiketten nicht unter Verwendung tierischer Produkte bei der Leimherstellung auf die Flaschen geklebt wurden. In diese Falle tappen viele ahnungslose Winzer trotz entsprechender Aufklärung übrigens immer wieder.

Illustration: Karin Mihm

Selbst das Fruchtfleisch soll auf den Index. Alltagsvegetarier sollten sich zur eigenen Sicherheit vor militanten Veganern in Acht nehmen.

Veganismus ist zur Glaubensfrage geworden. Sogar die Milch der frommen Denkungsart gilt als Entgleisung bei der Auswahl der geistigen Nahrung. Laktosefrei sollen sie sein, die Gedanken, und der Fleischeslust sollen sie entsagen. Auch das Studium der Discounter-Prospekte gilt den eingefleischten Veganern als unrein, weil dort ausnahmslos Bilder von Schlachterzeugnissen zu sehen sind. Das Surfen im Internet wird selbst bei zufälligem Blickkontakt mit leicht bekleideten Vertreter*innen beiderlei Geschlechts zum Verstoß gegen den veganen Verhaltenskanon. Es soll allerdings Veganer geben, die das bei Fleischessern so beliebte Dry-Aged-Verfahren am eigenen Leib anwenden. Selbst das Fruchtfleisch soll auf den Index. Alltagsvegetarier sollten sich zur eigenen Sicherheit vor militanten Veganern in Acht nehmen.

Zugegeben: Es ist wohlfeil und albern, sich über das Vegane an sich lustig zu machen, wenn man unterm Deckmantel des Humors sarkastisch das Messer wetzt. Aber in Fällen wie diesem ist es ja nicht wirklich böse gemeint. Man sollte das eher sportlich sehen: Dabei sein ist alles, und wer das durchhält, dem gebührt Respekt. Dennoch verdient der Verdrängungswettbewerb zum Nachteil der vegetarisch lebenden Spezies Beachtung. Denn es ist wie in der Politik: Zwischen den radikalen Enden links und rechts muss es eine stabile Mitte geben, damit die Demokratie nicht in Gefahr gerät. Als Mann des Ausgleichs habe ich für mich eine praktikable Ernährungsweise gefunden: Das Wechselessen (Flexitarismus). Morgens begnüge ich mich mit einem Marmeladenbrot. Mittags darf eine Frikadelle mit Fleischanteilen auf den Teller und abends überlasse ich meiner Frau die Auswahl der Speisen. Denn das Delegationsprinzip festigt die hausinterne demokratische Grundordnung und gibt auch Minderheiten eine Chance.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

Fasten mit Fastfood

Jetzt, da die Fastenzeit längst vorüber und der Kampf um die Bikinifigur erneut hoffnungslos verloren ist, kann man sich ja mal in aller Ruhe mit derlei Themen befassen. Ich selbst habe mich übrigens aus persönlichen Gründen der Weltöffentlichkeit noch nie im Bikini gezeigt; denn das passt einfach nicht in meinen Lebensentwurf. Trotzdem: Abnehmen hat ja im Grunde immer dann Saison, wenn die Abnehm-Industrie die Rundwüchsigen massenhaft zum Gewichtsklassenkampf aufwiegelt. Also immer. Das Resultat ist niederschmetternd: Pfunde und Kilos wissen angesichts der medialen Bedrängnis mal wieder nicht, ob sie schmelzen oder purzeln sollen. Also bleiben sie an Ort und Stelle und bauen ihre Position aus – zum Schutz vor der nächsten Diätwelle, die mit virenhafter Zuverlässigkeit immer wieder heranrollt.

Illustration: Karin Mihm

Ungefähr 62 Prozent der Männer haben statistisch zu viel auf den Rippen, Hüften und anderen Körperpartien. Damit sind sie auch hier dem weiblichen Geschlecht überlegen.

Der durchschnittsdeutsche Mann trotzt erfolgreich sämtlichen Kalorien-Kampagnen und wird, so führt uns die Statistik vor, zunehmend dicker. In der Pfalz mit ihrem geballten Repertoire an spezifischen Lockstoffen ist das nicht anders. Ungefähr 62 Prozent der Männer haben statistisch zu viel auf den Rippen, Hüften und anderen Körperpartien. Damit sind sie auch hier dem weiblichen Geschlecht überlegen, das mit einem Anteil von nur 43 Prozent Übergewichtigen weit abgeschlagen auf Platz zwei landet. Diverse an dieser Stelle hervorzuheben, geböte zwar die akute Vorstellung von Gleichberechtigung; aber sie fallen in der Statistik (noch) nicht ins Gewicht. Auch sind sie von ignoranten Statistikern bisher in fahrlässiger Weise einfach nicht erfasst worden.

Etliche hauptamtliche Hedonisten halten Askese immer noch für einen (längst verstorbenen) polnischen Pianisten. Andere haben ein Krankheitsbild vor dem geistigen Auge, das abgemagerte, hohlwangige humanoide Kreaturen zeigt, die auf der Suche nach dem Notausgang auf spindeldürren Steckenbeinchen an prallvollen Supermarktregalen entlang torkeln. Beides ist nachweislich falsch. Wer noch weiß, was ein Lexikon ist, oder gar selbst noch eines ins digitale Zeitalter herübergerettet hat, schlägt nach und findet Erläuterungen wie diese: „Eine asketische Schulung beinhaltet Disziplinierung sowohl hinsichtlich des Denkens und Wollens als auch hinsichtlich des Verhaltens.“ Kurz gesagt: Der starke Wille reicht nicht aus, wenn das schwache Fleisch sich hemmungslos vermehrt. Für authentische Pfälzer heißt das: Wenn ein frisch geräucherter Schwartenmagen aus der Einkaufstasche duftet, geben sogar eingefleischte Teilzeitvegetarier ihren Widerstand auf. Und dass zur Askese auch der völlige Verzicht auf berauschende Getränke gehört, das behält man in unseren Breiten besser für sich. Klammheimlich stellen sich die ganz Gerissenen doof und machen sich auf den Weg zu McDonalds. Dort gibts schließlich Fastfood.

Gottlob sind Kalauer kalorienfrei, sonst hätten wir bald (fast) gar nichts mehr zu lachen ...

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

Status ungenießbar

Weil ich im Lateinunterricht nicht aufgepasst habe, durfte ich erst jetzt erfahren, was „Status“ wirklich bedeutet: Es kommt aus dem Smartphone – und zwar von dort, wo WhatsApp lauert. Das ist ein angeblich soziales und weit verbreitetes Kommunikationsmittel. Man sammelt Kontaktdaten von möglichst allen Leuten, zu denen man Kontakt haben will oder wollen muss. Denen teilt man, ob sie wollen oder nicht, per Knopfdruck mit, wo man gerade ist, wie einem gerade ist und was man gerade isst. Ein gefundenes Fressen für eingefleischte Feinschmecker (Veganer jedweden Geschlechtes inklusive).

Als frisch ver(k)appter Nutzer des Programms empfange ich regelmäßig und unfreiwillig von meiner Freundin Maxima detaillierte Informationen zum aktuellen Stand ihrer Nahrungsaufnahme. Doch meine Toleranz ist jetzt an ihre Grenzen gestoßen. Denn Maxima hat unter Zuhilfenahme ihres besserverdienenden Gemahls einen Kurzurlaub im Fünf-Sterne-Luxushotel verbracht.

Illustration: Karin Mihm

In solch einer kapitalen Unterkunft „macht“ sie „Wellness“ unter Einbeziehung einer hysterischen Abfolge von exotischen Massagen, Saunagängen und diversen grotesken Maßnahmen kosmetischer Art. In der exklusiven Hotel-Boutique erwirbt sie extrem teure Klamotten bekannter Nobelmarken, um sie spätestens zum Dinner einem größeren Publikum zu präsentieren. Das hebt ihren akuten sozialen Status immerhin auf Durchschnittsniveau; das Vorzeigen solcher Kostbarkeiten gehört im Hotelrestaurant dieser Kategorie schließlich zum narzisstischen Pflichtprogramm. Weil das alle so machen, interessiert es aber keine Sau. Der Brite macht ja schon sprachlich kaum einen Unterschied zwischen healthy und wealthy. Darauf ein Selfie! Dessen Versand an alle, die man kennt, ist ebenso obligatorisch wie die Dokumentation des Abendmenüs. Wer ordentlich „Wellness macht“, kommt schon beim Aperitif so richtig in die Gänge.

So entsteht im Lauf eines Abends ein 36-teiliges fotorealistisches (Un)Sittengemälde aus der digital verstrahlten Erlebnisgastronomie.

So weiß ich, dass Maxima nach dem zweiten Glas Champagner Maison Dégoûtant brut am Dienstag um 18.43 Uhr neun Scheiben geräucherte Entenbrust vom Buffet geholt hat – eine Information, ohne die ich nicht sein möchte. Um 19.01 Uhr schneidet ihr Gatte tief ins medium well gebratene Rinderfilet und um 19.03 Uhr lässt er sich einen kräftigen Schluck vom gut erkennbar etikettierten 2016er Chateau Grand Malheur nachschenken. Am Ende der 18-teiligen, hektisch gesandten Fotoserie kommt es zur Übermittlung der üppigen Dessertvariation. Man muss ja den Wellness-geschädigten Kalorienhaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen.

So entsteht im Lauf eines Abends ein 36-teiliges fotorealistisches (Un)Sittengemälde aus der digital verstrahlten Erlebnisgastronomie. So kommt es auch, dass ich mein Smartphone nachhaltig ausschalte, weil ich es am dritten Abend nach dem Genuss von jeweils drei Dutzend schlecht belichteten, unkommentierten Bildern wuchtiger Speisenkonvolute einfach satthabe und mich ganz und gar analog meinem Saumagen zuwende. Dessen Herkunft ist pfälzisch. Sein Status auch – sogar ganz ohne WhatsApp.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

Die beste Kategorie

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Mit dieser Frage und diversen Antworten darauf hat sich der Philosoph Richard David Precht 16 Wochen lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste gehalten. Auch 13 Jahre später hat das Buch nichts an Aktualität eingebüßt – zumindest für mich; denn: Wer oder was bin ich eigentlich? Lange Zeit fühlte ich mich als eine Art Epikureer – Anhänger jenes griechischen Philosophen also, der dem Vernehmen nach so lange allerlei Gelüsten frönte, bis Nieren- oder Harnsteine sein irdisches Dasein beendeten. So vermuten es ernstzunehmende Forscher beziehungsweise Forschende.

Zugetragen hat sich dieser herbe Verlust so ungefähr im Jahre 270 vor Mariens Niederkunft. Der (umstrittenen) Überlieferung nach hat der weise Epikur seine Gäste so begrüßt: „Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt.“ Die sinnlichen Begierden, deren Berechtigung nur eingeschränkt akzeptiert wurde, sollten sich auf die kleinen, leicht erreichbaren Freuden richten: „Schicke mir ein Stück Käse, damit ich einmal gut essen kann.“ Ob der heitere Epikur auch Rotwein orderte, ist nicht überliefert, darf aber vermutet werden. Reinrassiger Vegetarier war er jedenfalls nicht und Veganer schon gar nicht.

Illustration: Karin Mihm

Politisch motivierte Veganer brandmarken mich und meinesgleichen als „Klimakiller“.

In der neuzeitlichen Kategorienbildung für Genussmenschen kommt der Epikureer nicht mehr vor, während sich der Asket in mannigfaltiger Erscheinungsform in die Gegenwart herübergerettet hat. Genussferne Kreise sorgen mehr und mehr dafür, dass Enthaltsamkeit schick ist. Schlanken Leibes soll er sein, der smarte Genießer, und aller Begierde ledig. Hedonisten haben es schwer, denn üppiger Lustgewinn – vor allem beim Essen und Trinken – gilt zunehmend als verpönt. So wird die Lust zur Last, und ich muss mich mit Begriffen auseinandersetzen, die mir nachhaltig den Appetit verderben. Zum Beispiel falle ich in der einschlägigen Statistik unter die Rubrik „Omnivore“. Das klingt garstig. Ersatzweise maßen sich entgleiste Ernährungswissenschaftler/innen an, mich „Pantophage“ zu nennen. Weniger aggressive Experten weichen auf den sanfteren Begriff „Nahrungsgeneralist“ aus. Der missionarisch programmierte Asket indessen schleudert mir ein schonungsloses „Allesfresser“ entgegen. Politisch motivierte Veganer brandmarken mich und meinesgleichen als „Klimakiller“, weil unsere Spezies mitunter Fleisch zu sich nimmt, das von rülpsenden und furzenden Vierbeinern stammt – das heißgeliebte Rumpsteak (medium) zum Beispiel.

So langsam hab’ ich die Wortklaubereien satt. Um weiteren lästigen Fragen nach meinem kulinarisch-philosophischen Selbstverständnis aus dem Weg zu gehen, nenne ich mich mitunter „Teilzeitvegetarier“ oder „Gelegenheitsveganer“. Und sobald ich Zutrauen gefasst habe zum Fragesteller (der Fragestellerin selbstverständlich auch), sage ich, wie es halt auch beim Essen ist: „Pfälzer“ oder (für Fortgeschrittene): „VielPfälzer“. Der bin ich wirklich.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr VielPfälzer

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